wie funktioniert Populismus?

Präambel

Ich habe diese Seite im Jahr 2000 verfasst, sie ist daher sowohl mit ihren tagespolitischen Bezügen veraltet, sie entspricht aber auch nicht mehr ganz meinem Stil. Gelöscht habe ich sie dennoch nicht, weil sie meines Erachtens doch einige universelle Überlegungen enthält.

Prinzip

Die grundlegende Methode populistischer Politik liegt darin, unter bewußter Verzerrung der Wirklichkeit plausible, einfache, verständliche Bilder zu schaffen, mit denen niedere Instinkte wie Neid und Angst geschürt werden. Wie das gemacht wird, möchte ich im weiteren an einigen Beispielen darlegen:

Mechanismen

Sündenböcke

Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Vermeidung der Konfrontation großer oder besonders einflußreicher Gruppen: Während klassische Politik stets zu grundlegenden gesellschaftlichen Konflikten, insbesondere zwischen Arbeitnehmern/Unternehmern/Kapitalisten/Bauern, Stellung bezieht, und Parteien oftmals mehr oder weniger bestimmte Bevölkerungsgruppen vertreten, versuchen populistische Parteien zumeist alle großen Gruppen für sich zu gewinnen, und relativ kleine, bedeutungslose Gruppen als Sündenböcke heranzuziehen, am beliebtesten sind hierzu Ausländer generell oder illegale Einwanderer im besonderen. Weiters ist noch ein besonders rüder Umgang mit dem politischen Gegner vonnöten, denn dieser muß ja aller Logik nach besonders korrupt und unfähig sein, wenn er die einfachen Patentrezepte nicht verwirklicht. Oft wird im weiteren der politische Gegner gleich selbst zum Sündenbock. Schwierig wird es, wenn, wie in österreich geschehen, äußerst populistische, erfolgreiche Oppositionsparteien selbst an die Regierung kommen. Da wird dann zumeist der Sündenbock im Ausland oder in der Vergangenheit gesucht: "EU-Sanktionen", "sozialistischer Schuldenberg" etc.

selektive Wahrnehmung

sehr gut zur Stimmungsmache nützbar ist die selektive Wahrnehmung bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Gruppe versus Verhalten

Ebenso sehr beliebt ist es, nicht ein bestimmtes Verhalten anzuklagen, sondern jene Menschen die diesem Verhalten frönen, oder noch schlimmer, bestimmte Gruppen, deren Mitglieder sich mit einer mehr oder minder erhöhten Häufigkeit so verhalten. Das ist einerseits völlig ungerecht gegenüber jenen Mitgliedern dieser Gruppe, die sich anders verhalten, andererseits aber auch völlig kontraproduktiv, weil kein Anreiz gegeben ist, sich anders zu verhalten, wenn man ohnehin pauschal verurteilt wird. Leider kommt es auch noch vor, daß Menschen, die nicht zu dieser Gruppe gehören, aber selbst die inkriminierten Tätigkeiten ausüben, solche Strategien auch noch unterstützen, um selbst ungeschoren davonzukommen. So geschehen im Fall der massiven Unterstützung der NSDAP durch das deutsche Kapital: Den deutschen Firmen war es natürlich lieber, das Volk wendet seine antikapitalistische Aggression gegen die geschäftstüchtigen Juden, anstatt der kommunistischen Ideologie zu verfallen, und sämtliche Kapitalisten anzugreifen. Ob wohl österreichische Drogendealer in der Krone Leserbriefe über die nigerianische Drogenmafia schreiben? Es gibt aber auch heutzutage durchaus Fälle von solcher Gruppenideologie, und zwar in beiderlei Richtung:

Vernachlässigung von Rückwirkungen

Sehr praktisch für Populisten ist auch das Vernachlässigen ganz logischer Rückwirkungen, und das alleinige Betonen negativer Auswirkungen bestimmter Maßnahmen:

Vernachlässigen von Größenordnungen

Auch bekannt als das Aufblasen von Mücken zu Elefanten, besonders gut geeignet zum Stopfen des Sommerlochs. Beispiele:

ganz plumpe Methoden

Ein großer Teil der Aktivitäten und des Erfolges populistischer Parteien geht auf das Konto völlig plumper Methoden nach dem Motto "Frechheit siegt". Das kann sein:

Gegenangriffe

Sehr beliebt ist es, auf die Argumente des Gegners gar nicht einzugehen, sondern mit Verschwörungstheorien daherzukommen, warum Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen auftaucht:

oft genug Wiederholen, dann glauben es die Leute schon

Oft reicht es auch schon, gewisse völlig unsinnige Behauptungen nur oft genug zu wiederholen, oder manche Dinge einfach ausreichend oft zusammen zu nennen:

Ausnützen der Vergesslichkeit

Populisten wissen stets auch die Vergeßlichkeit der Bevölkerung und die kurzlebigkeit der Medien zu nützen. Das betrifft einerseits die kuriosesten Wendungen der eigenen Partei (ist die FPÖ jetzt eigentlich für oder gegen die EU? und wie ist das mit der Erweiterung?), vorallem aber die Wandlung von Opposition zu Regierung: Was ist denn aus all den schönen Patentrezepten geworden? Hm? Steuern senken - Arbeit schaffen? Hm? Sind wir am Ende draufgekommen, daß die Flat-Tax eben nicht die kleinen und mittleren Einkommen entlastet, weil sie, wie jedes Volksschulkind sich an 2 Fingern ausrechnen kann, im Falle von Aufkommensneutralität eben dort eine Steuererhöhung darstellt? Ach ja, und wie ist das denn mit der NATO? Da war doch immer nur die SPÖ dagegen, und die rechte Reichshälfte bedingungslos für den Vollbeitritt? Mögens uns auf einmal nicht haben? Oder paßt das nicht in unsere Antieuropäische Stimmungsmache?

Ausnützen des geringen politischen Handlungsspielraums

Heutzutage, eingebettet in die EU, Föderalismus, globalisierte Wirtschaft und starke Interessensvertretungen ändert Politik, wenn sie nicht besonders mutig ist, sehr wenig, oder nur sehr langsam etwas am täglichen Leben der Leute. Daher ist es sogar möglich, einigen Prozent der Bevölkerung Verschlechterungen anzudrehen, und als Verbesserungen zu verkaufen, sie merken es eh nicht. Oder, noch besser: analog zur möglichst kleinen Sündenbock-Gruppe, werden die wesentlichen Belastungen auch auf kleine Gruppen aufgeteilt. Zum Beispiel auf die Studenten oder auf Arbeitslose. Am allerfrechsten ist es schlußendlich, auf riesengroßen Plakaten den Kinderscheck als durchgesetzten Erfolg zu verkaufen, während er aufgrund unfinanzierbarer Kosten auch zwei Jahre nach seiner Erfindung bei überwiegend blauschwarz regierten Bundesländern weder in Kärnten, noch bundesweit noch sonst irgendwo realisiert ist. (Außer vielleicht in verfassungsrechtlich außerordentlich bedenklicher Weise in einer Handvoll tiefblauer "Modellgemeinden"). Ja nicht einmal die Ausländerpolitik ist mit dem FPÖ-Regierungseintritt verschärft worden, weil sie gar nicht mehr verschärft werden kann, und trotzdem sind Ausländer noch immer FPÖ-Feindbild Nr.1.

Märtyrerbildung, Wir-Gefühl und Wortwahl

"Wir österreicher wählen, wen wir wollen" ist genauso erfolgreicher Schmarrn wie die "österreich-Sanktionen". Der Hecht im Karpfenteich, ders dem ganzen Politikerpack reinsagt, und das mit ausreichend Kraftausdrücken und primitivsten Vorwürfen rundet das Bild des erfolgreichen Populisten nach unten schön ab.

Ist Populismus eine demokratische Naturerscheinung?

Im Prinzip wahrscheinlich schon - aber man kann bessere oder schlechtere Rahmenbedingungen schaffen.

Verantwortung von politischem System und Medien

Dein Senf zu dieser Seite

Zurück zur Hauptseite
Escati Free Counter