


Ist es wirklich möglich, sechs Einzelplatzabteile plus ein Familien/Rollstuhl-Abteil in einem Fahrzeug unterzubringen, das nicht wesentlich mehr Platz auf der Straße verbraucht, als ein gewöhnliches Auto? Wie soll man in einem solchen Fahrzeug Gepäck unterbringen? Wäre es nicht einfacher und bequemer, einfach ein Fahrzeug pro Fahrgast im Tür-zu-Tür-Betrieb einzusetzen anstatt Ein- und Ausstiege verschiedener Fahrgäste mit unterschiedlichen Fahrtrouten einzuplanen? Sind denn Robotaxis mit geteilter Nutzung und hohem Auslastungsgrad, die privaten Autoverkehr ersetzen, überhaupt realistisch? Zeigt der reale Robotaxibetrieb nicht eher gegenteilige Tendenzen? Warum gerade diese Fahrzeuggröße? Stellen Robotaxis eine Bedrohung für den öffentlichen Verkehr dar? Oder sollte man sogar aufhören, in besseren öffentlichen Verkehr zu investieren, weil geteilte Robotaxis die bessere Lösung sein könnten? Soll das bedeuten, dass die Herausforderung von nachhaltiger und inklusiver Mobilität durch den Markt gelöst werden soll und nicht durch öffentliche Dienstleistungen und Verkehrspolitik?
Wie im Bild weiter oben gezeigt beträgt die Länge eines Einzelplatzabteils etwa einen Meter. Das ist mehr, als ein üblicher Reihensitzteiler in Zügen, Bussen oder Flugzeugen. Im öffentlichen Verkehr kommen auch Sitzplätze vor, die zu einer Wand gerichtet sind und weniger als einen Meter Länge aufweisen, gemessen von der Rückseite der Rückenlehne bis zur Wand vor dem Sitzplatz. Eine zusätzliche Verbesserung der Platzverhältnisse ist möglich, indem sich der Fußraum der mittleren bzw. hinteren Sitze teilweise unter den vorderen bzw. mittleren Sitz erstreckt. Die halbe Breite eines Standard-Pkw (1,9 m) minus Platz für Trennwand und seitliche Knautschzonen ergibt etwa 70-75 cm, also deutlich mehr als eine übliche Sitzbreite. Der Platz für den Rollstuhl wurde Aufzugs-Normen entnommen und an den vorderen und hinteren Enden des Fahrzeugs wurden jeweils 30 cm extra für Knautschzonen eingeplant.
In einem Konzeptstadium ohne konkreteres Fahrzeugdesign ist 5 m Länge eine realistische Annahme. Ob es schlussendlich 4,75 oder 5,5 m sein werden hat keinen wesentlichen Einfluss auf den Kapazitätsbedarf im Straßenverkehr, ebensowenig ob der durchschnittlich ersetzte Pkw 3,5 oder 4 m lang ist. Grund dafür ist, dass der Kapazitätsbedarf im fließenden Verkehr von den Abständen zwischen den Fahrzeugen, also Bremswegen und Sicherheitsabständen dominiert wird. Dies betrifft sowohl Stau, der den Fahrzeugverkehr selbst betrifft, als auch die Schwierigkeiten für Fußgänger:innen, stark befahrene Straßen zu queren. Das bedeutet, dass der Platzverbrauch im Straßenraum nur unterproportional zur Fahrzeuggröße steigt. Im Verkehrswesen gibt es daher den Begriff der "Pkw-Einheit", wobei ein Fahrrad wie 0,2 - 0,5 durchschnittliche Pkw gezählt wird und Faktoren von 1,5-2 für einteilige Lkw und Busse sowie 2-4 für Gelenkbusse und extralange Lkw angewandt werden.
(Quellen: https://www.krems.at/fileadmin/Dateien/Downloads/Stadtentwicklung/Oertliches_Entwicklungskonzept/3_MIVTeil1.pdf, https://en.wikipedia.org/wiki/Passenger_car_equivalent & https://de.wikipedia.org/wiki/PKW-Einheit)
Für die meisten innerstädtischen oder regionalen Kurz- bis Mittelstreckenfahrten sollte innerhalb jedes Abteils genug Platz für Gepäck sein. Platz für zusätzliches Gepäck könnte mit Stauraum oberhalb der Abteile geschaffen werden. Fahrgäste könnten bei Bedarf aber auch ein zweites Abteil buchen um ihr Gepäck unterzubringen, oder das Familien-/Rollstuhlabteil anstelle einer Einzelplatzkabine. Dies ist auch der Grund, wieso in allen Berechnungen von einem 8-Sitzer-Fahrzeug ausgegangen wird, obwohl es in Wirklichkeit etwas größer ist (8 Standardplätze plus Platz für zwei Kinder oder einen Rollstuhl).
Aus der Perspektive eines Fahrgasts, der bereits in einem Fahrzeug sitzt wäre es ohne Zwischenhalte für andere Fahrgäste einfacher. Mit einer unbegrenzenten Anzahl an Fahrzeugen, die zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar sind, bestünde auch keine Notwendigkeit zur geteilten Nutzung von Fahrzeugen. Aber in einem realistischen Szenario, in dem die Fahrzeuge mit all den notwendigen Komponenten für das autonome Fahren den relevantesten Kostenfaktor darstellen, zeigt sich ein anderes Bild: Als Fahrgast verliert man zwar Zeit für Zwischenhalte, kurze Fußwege oder sogar Umstiege, aber dafür muss man nicht unbedingt warten, bis ein ganzes Fahrzeug für einen verfügbar wird, sondern die Fahrt kann losgehen, sobald ein Fahrzeug mit freien Plätzen in der richtigen Fahrtrichtung vorbeikommt. Für den Betreiber lohnt sich wiederum die Koordination unterschiedlicher Fahrtwünsche weil weniger Fahrzeuge benötigt werden.
Wenn alle Plätze ständig belegt wären und man mit 8 Plätzen rechnet, dann würde eine durchschnittliche Fahrt mit gleichmäßiger Verteilung von Ein- und Aussteigen sieben Zwischenhalte umfassen: Zwischen meinem Ausgangs- und meinem Zielort würde sieben Mal einer der anderen Sitzplätze von einem Fahrgast für einen anderen frei gemacht. In der Praxis gibt es zwei Faktoren, die zu weniger Zwischenhalten führen: Erstens fahren manche Fahrgäste zu zweit oder in Gruppen (der Grund, warum der durchschnittliche Besetzungsgrad konventioneller Autos nicht 1 beträgt sondern irgendetwas zwischen 1,2 und 1,5) und zweitens haben manchmal verschiedene Fahrgäste entweder Ausgangs- oder Zielorte in räumlicher Nähe zueinander, sodass sie gleichzeitig im Zuge desselben Halts ein- oder aussteigen können. Dass 100% Auslastung unrealistisch ist, reduziert einerseits die Anzahl an Mitfahrgästen, die zwischendurch ein- oder aussteigen. Andererseits kann es aber auch die Anzahl an Zwischenhalten erhöhen, weil Aus- und Einsteigen nicht immer am selben Ort stattfinden wird, es ist also möglich, dass an einem Zwischenhalt eine Person aussteigt und nach einer gewissen Fahrtstrecke eine weiterer Zwischenhalt nötig ist, damit eine andere Person einsteigen und den zuvor frei gewordenen Sitzplatz einnehmen kann.
Es ist zu erwarten, dass die durchschnittliche Auslastung in den Hauptverkehrszeit größer ist als in den Nebenverkehrszeiten: Wenn mehr Fahrgäste gleichzeitig unterwegs sind, ist es leichter, mehrere Fahrtwünsche zu finden, die miteinander gebündelt werden können. Zugleich ist es zu den Stoßzeiten wirtschaftlich gesehen wichtiger, den Besetzungsgrad zu maximieren als zu Zeiten, zu denen ohnehin nur ein kleiner Teil der Fahrzeuge in Verwendung ist.
Die Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen geht stärker zugunsten von auslastungsorientierten Robotaxi-Lösungen mit geteilten Fahrzeugen aus, wenn man nicht nur die Auswirkungen auf einen einzelnen Betreiber oder sogar einen einzelnen Fahrgast betrachtet, sondern alle Fahrgäste, Betreiber und Stadtbewohner:innen einbezieht: Wenn alle Robotaxis auslastungsorientiert betrieben werden und die Robotaxis viele Privatautos ersetzen, dann kommt es zu weniger Stau und Zeitverluste für Zwischenhalte können durch eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen diesen Halten kompensiert werden. Daher wäre es sehr zweckmäßig, wenn Städte Citymauten einführen und somit einen Anreiz schaffen, mit besser ausgelasteten Fahrzeugen die Straßeninfrastruktur effizienter zu nutzen.
Es ist wichtig, zwischen Pilotprojekten und einer potenziellen großflächigen Anwendung von Robotaxis zu unterscheiden. Bestehende Robotaxidienste sind häufig zu klein um eigens dafür entwickelte Fahrzeuge einzusetzen und nutzen daher Standard-Pkw, die mit der nötigen Sensortechnologie ausgestattet wurden. Nachdem sie sich in einer Entwicklungsphase befinden, die noch weit weg von kommerzieller Profitabilität ist stellen sie auch keinen Beweis dafür dar, dass mit den bisher üblichen Robotaxi-Betriebsformen ein marktwirtschaftliches Optimum erreicht wäre.
Privatautoverkehr durch Robotaxis zu ersetzen wird aus Nutzer:innenperspektive dann interessant, wenn Robotaxidienste zusammen mit öffentlichem Verkehr sowohl eine ausreichende Qualität, als auch eine ausreichende Flächenabdeckung bieten, dass man mit weniger Autobesitz auskommt, also sein Auto verkauft, ein irreparabel kaputtes Auto nicht mehr ersetzt oder mit einem statt zwei Autos im Haushalt das Auslangen findet. Bevor diese Entwicklungsstufe erreicht ist ist es logisch, dass ein größerer Anteil der Robotaxi-Fahrten entweder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder konventionelle Taxifahrten ersetzt.
Es ist ein erster Vorschlag, genauso gut könnte das Optimum auch bei zwei Plätzen mehr oder weniger liegen. Vermutlich ist es irgendwo in dieser Größenordnung, denn einerseits würde es nicht viel Ressourcen sparen, das Fahrzeug kleiner zu machen und andererseits würde es zu viele Zwischenhalte erfordern, wenn man mehr Sitzplätze sinnvoll auslasten wollte. Wesentlich größere Fahrzeuge ergeben nur in einem fahrplangebundenen Betrieb Sinn.
Es ist derzeit nicht vorhersehbar, welches Kosten- und Qualitätsniveau Robotaxis in der Zukunft erreichen werden. Es besteht immer noch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass planmäßiger öffentlicher Verkehr, entweder menschengelenkt oder autonom, gegenüber Robotaxis effizienter und wettbewerbsfähiger bleiben wird (auch wenn man sowohl die Staatsausgaben für öffentlichen Verkehr berücksichtigt, als auch den Umstand, dass man bereits getätigte Investitionen in die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs nicht zurückbekommt, wenn man sie nicht nutzt). Es ist auch möglich, dass der öffentliche Verkehr sogar Marktanteile gewinnt, wenn sich mehr Menschen für ein Leben ohne eigenes Auto entscheiden und regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel und gelegentlich Robotaxis nutzen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass auslastungsoptimierte Robotaxis die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung besser erfüllen können als planmäßiger öffentlicher Verkehr und auch noch eine höhere Ressourceneffizienz erreichen, dann wäre es nicht mehr zweckmäßig sein, Steuergeld für konventionelle Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen auszugeben. Zwischen diesen zwei Extremen gibt es Szenarien, in denen der öffentliche Verkehr beispielsweise zu Stoßzeiten oder auf Hauptrouten die bessere Lösung ist, in manchen Segmenten aber durch Robotaxis ersetzt wird.
Solange die technologische Entwicklung unsicher bleibt gibt es keinen Grund, die Anstrengungen zur Verbesserung des fahrplangebundenen öffentlichen Verkehrs zu reduzieren, egal ob dieser autonom verkehrt oder von Menschen gelenkt wird.
Menschen, die Robotaxis skeptisch gegenüberstehen können die selbe Lösung übrigens auch "autonomer, bedarfsgesteuerter öffentlicher Kleinbus mit privatsphärenoptimierter Inneneinrichtung" nennen.
Das auslastungsoptimierter Robotaxi stellt eine Möglichkeit dar, wie ein wesentlicher Fortschritt bezüglich nachhaltiger Mobilität mit wenig staatlicher Aktivität möglich ist. Das bedeutet keineswegs, dass es besser wäre als eine staatlich (mit)gestaltete Einführung von Robotaxidiensten oder ein dichtes Netzwerk von planmäßig in kurzen Intervallen verkehrenden autonomen Bussen. Nachdem aber die öffentlichen Akteure meistens sehr zurückhaltend sind, wenn es darum geht, auf Basis neuer Technologie radikal verbesserte Verkehrsdienstleistungen umzusetzen, stellt das auslastungsoptimierte Robotaxi zumindest eine wesentlich bessere Perspektive dar, als wenn man bloß entweder die unerwünschten Effekte einzeln besetzter Robotaxis in Kauf nehmen kann, oder die Entwicklung von Robotaxis ungeachtet ihrer potenziellen positiven Effekte insgesamt bremsen oder verhindern.
Selbst wenn man von keinem tiefgehenden Engagement der öffentlichen Hand ausgeht, insbesondere von keinen umfassenden öffentlichen Dienstleistungsaufträgen, wären kleinere Markteingriffe sehr wohl hilfreich um auslastungsoptimierte Robotaxidienste effizienter und wettbewerbsfähiger zu machen: Neben der Einführung von Citymauten wären dies primär Linzenz- oder Konzessionsvergaben zumindest für ländliche Gebiete, wo die Bevölkerungs- und Nachfragedichte keinen effizienten Betrieb von mehr als einer Flotte erlaubt. Weitere Optionen wären eine Begrenzung der Anzahl an Anbietern auch in städtischen Gebieten oder eine Konzessionslösung, die mehr und weniger profitable Gebiete zusammenfasst um ingesamt ein flächendeckendes Angebot sicherzustellen.